Wissenschaftliche Forschung

Visionäres Wien: Design und Gesellschaft 1918–1934

Elana Shapira

Theorie und Geschichte des Design
Das Forschungsprojekt „Visionäres Wien: Design und Gesellschaft 1918-1934“ untersucht die Entstehung und Entwicklung von Ideen und Visionen rationaler, wissenschaftlicher Erkenntnis und fortschrittlicher gesellschaftlicher Einstellungen, die durch wechselseitige Beeinflussung und Befruchtung entstanden sind. Ästhetische Darstellungen in Architektur von Gebäuden, Innenausstattungen, Designobjekten, Fotos, wissenschaftlichen und theoretischen Texten werden dabei als koordinierte ästhetische und anthropologische Interventionen in der Wiener Gesellschaft verstanden. Die Studie zeigt die Zusammenhänge zwischen Design und ästhetischen Anwendungen einerseits und Vorstellungen sozialen Fortschritts andererseits auf. Sie sucht Erklärungen, wie soziale Theorien und Erkenntnisse ästhetisches Verhalten als Teil ihrer Erkenntnisse integrierten. Darüber hinaus gilt Design als essentielles Ausdrucksmittel dieser Prozesse und Resultate. Die Interventionen, die hier über einen interdisziplinären Zugang unter Heranziehung von kulturwissenschaftlichen Methoden, Sozialpsychologie und Theorien der Ästhetik analysiert werden, dienten dazu, schwächeren Gliedern der Gesellschaft Instrumente zu verschaffen, die ihnen Teilnahme an gemeinsamer gesellschaftlicher Verantwortung ermöglichte, die Geschlechterrollen neu definierte und Fragen nach dem kulturellen Anderssein aufwarf. Dabei wird auch die wissenschaftliche Dominanz der populären „Dekor-Welt“ der Wiener Moderne hinterfragt, eine neue Kanonisierung kulturellen Schaffens, wissenschaftlicher Theorien und individuellen Designs bzw. Kunstschaffens Einzelner sowie eine Verortung des revolutionären Erbes vom „Visionären Wien“ vorgenommen.
 
Während ihrer demokratischen Phase zwischen 1918 und 1934 war die erste Republik geprägt von Kulturkämpfen zwischen dem sozialdemokratischen säkularen und dem konservativen katholischen Lager. Die Auseinandersetzungen spiegelten sich auch in den angewandten Künsten - im Design - wider.
 
Die Studie untersucht wissenschaftliche Erkenntnisse und Design-Projekte sowie individuelle Arbeiten der Periode 1918-1934 und lotet ihre Bedeutung für Wien und Österreich aus, u.a. durch die Rekonstruktion der Weiterentwicklung der Wiener Visionen durch österreichische Exilanten und Emigranten nach 1934 bzw. 1938. Die Forschung basiert auf Originalquellen und umfasst bereits bearbeitete und kontextualisierte Archivmaterialien, wie auch unerforschte Bestände. Angestrebt wird die akademische Verortung der Relevanz des Erbes des Visionären Wien und seiner Perzeption. Berücksichtigt werden Forschungen zum „Roten Wien“, die soziale Stellung und der Beitrag von Frauen sowie jüngere Forschungen über die Rolle von Juden bei der Gestaltung und Formung der österreichischen Kultur. Darüber hinaus rekontextualisiert die Studie „vergessene Literatur“ und die Kunst-Avantgarde der Zwischenkriegszeit.
 
Das Forschungsprojekt untersucht, wie Design und gesellschaftliche Konstruktionen, ebenso wie Fragen nach individueller Identität einander bedingten. Entsprechende Analysen sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene bieten kritische und neue Perspektiven auf das „Visionäre Wien“. Die historische Kontextualisierung ermöglicht das Aufzeigen komplexer Netzwerke von Design und Gesellschaft. Auf der kollektiven Ebene geht es um die Frage, in welchem Ausmaß Wissenschaften - vor allem die Wissenschaften vom Menschen (anthropologische Wissenschaften) - Ästhetik beeinflussten. Auf der individuellen Ebene hingegen soll aufgezeigt werden, wie Design Zugehörigkeit (Inklusion) und Nicht-Zugehörigkeit (Exklusion) in den jeweiligen Mikrogemeinden erlebbar machten. Dies erlaubt auch Rückschlüsse auf die zeitgenössische Diskussion um Kulturschaffen und Integration.