Künstlerische Forschung


Weitere Informationen zu Projekten künstlerischer Forschung im Rahmen des PEEK-Programms des FWF finden Sie in der Projektübersicht:
Projekte künstlerischer Forschung


Zur Performativität des Biofakts

Lucie Strecker

Institut für Bildende und Mediale Kunst
Seit dem 20. Jahrhundert prägen Theorien der Ökologie die Ausdrucksformen und Reflexionen der performativen Kunst. Diese entwickelte ihre Trainings- und Arbeitssysteme, wie etwa Biomechanik, somatische Tanztechniken oder psychologisch-realistische Schauspieltechniken kontinuierlich anhand der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Natur (Giannachi und Steward 2005).

Da die Life Sciences jedoch das, was wir unter Natur und Ökologie verstehen grundlegend verändern und weil nach der Biologin und Philosophin Nicole C. Karafyllis die Aristotelische Abgrenzung von Natur und Technik, die das Wachsende vom Nicht-wachsenden unterscheidet, nicht mehr gültig ist, will das hier vorgestellte Projekt „Zur Performativität des Biofakts“ über dieses Verhältnis neu nachdenken und praktisch forschen.

Lebewesen gehören heute nicht mehr vorbehaltlos zum Reich des Natürlichen, denn sie werden durch Methoden der Agrar- und Biotechnik maßgeblich zu Künstlichem bzw. Technischem (vgl. Nicole Karafyllis).

Die Theorien des Neuen Materialismus und im speziellen die Arbeit von Karen Barad, welche die etablierte Trennung zwischen Ontologie und Epistemologie in Frage stellt, eröffnen uns neue Sichtweisen auf die Beziehung zwischen Materie und Performativität. Bisher wurde beides in Performancetheorie- und Praxis nur ansatzweise berücksichtigt.

Dieses Projekt entwickelt eine neue experimentelle Anordnung. Sie soll dem durch die molekularbiologischen und genetischen Techniken der Life Sciences veränderten Verhältnis zwischen Materie und Performativität Rechnung tragen. In Form von künstlerischer Forschung wird provokativ eine Entität erzeugt, deren ontologischer Status zwischen belebt und unbelebt changiert. Nicole C. Karafyllis schuf für solche Entitäten den Begriff des Biofakts. Wir fragen nun, auf welche Geschichte die performative Erzeugung von Materie zurückgeht und wie technologische Erneuerungen in der Zukunft unser Verständnis von Ökologie und Kunst verändern werden. Dies geschieht unter Einbezug historischer, kulturrelevanter Relikte. Aus deren biologisch-tierlicher Materie werden neue Biofakte geschaffen. Somit tritt in die Interaktion zwischen Mensch und Technik auch die Figur des Tieres. Dieser Vorgang verhindert eine allein anthropozentrische Sicht auf den Prozess und zwingt zu neuen kreativen Lösungen. Denn die Herausforderung besteht darin, das Tier nicht zu anthropomorphisieren, sondern aus seiner passiven Position des ausgebeuteten „Anderen“ zu befreien.

Gemeinsam mit ForscherInnen aus dem Bereich der Life Sciences soll eine Experimentalanordnung entwickelt werden, bei der Methoden der Archäologie, der Performance, der Molekularbiologie und Genetik in Austausch treten. Durch das  Konzept der performativen Erzeugung von Materie im modellierten Versuch entstehen neue Handlungs- und  Empfindungsräume. So lässt sich das im Wandel begriffene Verhältnis zwischen Ökologie und Kunst weiter erforschen.