Aktuell
Zu Gast im Gender Art Lab: Kurt Flasch
"Warum ich kein Christ mehr bin"
Beginn: jeweils 17 Uhr
Die Vorträge von Kurt Flasch sind zusätzlich zum "normalen" GAL-Programm vorgesehen!
Eine Kooperation des GAL mit dem Institut für Philosophie und der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften der Universität Wien
Infos/Kontakt
robert.maierhofer@uni-ak.ac.at
Leitung GAL: Marion Elias
Assistenz: Robert Maierhofer
Universität Wien: Elisabeth Nemeth
Wer "Gender" sagt meint nicht einfach nur "Geschlechterdifferenz", deren Geschichte und Praxis.
Gender ist nicht bloß die Story von John Money und David Reimer.
Und - Gender ist nicht simpel und eindeutig mit "Geschlecht" oder "sozialem Geschlecht" - wörtlich und ausreichend - zu fassen.
Gender bedeutet - auch - Hierarchie. Rollen, die wir wegen oder trotz des biologischen Geschlechts behauptet zu spielen haben, Rollen, die ebenso behauptet wären rund um Kleidung, Beruf, Verhalten.
Denn aus den "Rollen" ergeben sich "Positionen" auf einer mehr oder weniger imaginären Werteleiter, und hinter der Werteleiter steht ein Konstrukt von Macht.
Gender ist, richtig gesehen, weder auf eine Zeit, eine Epoche noch auf ein Territorium beschränkt.
Die möglichen Überprüfungen dieses Themenkreises sind heterogen angelegt, Analysen drehen sich um Relevanz, Geschichte und Praxis.
Über einen nicht unerheblich langen Zeitraum zeigte sich Europa geprägt von einem religiösen System, das hier locker und unpräzise als "christlich" bezeichnet werden soll. Ein System, dessen Ausläufer sich auf die eine oder andere Art nahezu über die ganze Welt verbreiteten, erfolgreich auf die eine oder andere Art, positiv oder nicht positiv auf - wiederum die eine oder andere Art, näher oder ferner an den Menschen, den Staaten, den Regierenden.
Ganz sicher ist das nicht, aber das Wort Religion stammt womöglich vom lateinischen religio, was als Gottesfurcht, Frömmigkeit, Heiligkeit, Rücksicht, Bedenken, Skrupel, Pflicht, Gewissenhaftigkeit oder Aberglaube verstanden werden kann.
Die altrömische Religion jedenfalls kennt den Begriff religio nicht, der taucht erst ab 250 v. Chr. auf, in Komödien und politischen Reden. Cicero definierte religio abgeleitet von relegere - wieder aufsammeln, wiederaufwickeln, bedenken, achtgeben - die gewissenhafte Einhal-tung überlieferter Regeln und somit der Gegenpol zur Übertreibung der superstitio, vielleicht gar der Ekstase.
Im 4. Jahrhundert legt Lactantius religio in direkte Nähe zu religare, "an- und zurückbinden", ein "Band der Frömmigkeit, das den Gläubigen an Gott bindet" - zusammengefaßt die "Wie-der-Verbindung mit Gott beziehungsweise Gottheiten", unter der eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen.
Nun überspringen wir mal ein paar Jahrhunderte und die dazugehörigen Details und stellen wir fest, daß heutzutage Religion(en) und Glaube durchaus Privatsache zu sein hätten, daß sich die Separation von Kirche und Staat gefälligst längst und endgültig vollzogen hat.
Vergessen wir das weniger Gute - die Inquisition, die Missionarstätigkeit mit ihrer global zubereiteten Hölle samt Fegefeuer, die Erbsünde gegenüber der angeborenen Unschuld, vergessen wir das Menschenopfer in Gestalt des "Sohn Gottes", die Maschinerie von Angst, Schrecken und Teufeln zur Disziplinierung der Gestrauchelten - überhaupt die ganze Mangelhaftigkeit des Bodenpersonals - zugunsten des Besseren oder durchaus Guten.
Etwa Nächstenliebe. Trost. Illuminationen. Gregorianische Choräle. Jener Teil der "Bildungspolitik", der unersetzlich und nicht schmierig war. Jener Teil der "Kunstförderung", die - freiwillig oder nicht - die herrlichsten Werke entstehen ließ oder sie wenigstens nicht verhindert hat.
Und was soll das mit "Gender" zu tun haben?
Nach einer Periode, in der man sich durchaus um das Säkulare kümmern konnte ohne zu heftig unter Werteverlustschmerzen zu leiden, sehen wir uns schon seit einiger Zeit mit einer Re-Theologisierung konfrontiert, überall und in so ziemlich allen möglichen Glaubensbekenntnissen: Glaube und Religion sind zurück, aufgewärmt und mit dem üblichen Ausschließlich-keitsverfahren im Verein.
Ist es also nicht und nicht mehr die Religion, die Kirche, das Christentum, das unsere Gesellschaft mitprägt? Ist es nicht die dazugehörige Hierarchie, die ihre rigorose Einsstellung auf die Gläubigen überträgt? Ist das Weltbild von wohlwollendem und negativem Sexismus nicht mehr Unterbau viel zu vieler Familien, direkt aus dem Katechismus übernommen?
Maria oder Magdalena.
Wer an die Schlange und den Apfel glaubt, weiß, wer die Sünderin ist.
Kurt Flasch hat uns im letzten Jahr mit seinen Deutungen zu Boccaccio, Dante, Griselda und Beatrice fasziniert und begeistert. Seine Übersetzungen des Decamerone und der Comedia sind überragende Beweise sowohl der Aktualität der Texte wie seiner eigenen Kunst, mit Mief, Vorurteilen und falschen Deutungen aufräumen zu können. Die "klugen Frauen" bewegen sich weit weg von dem allzu pikanten Image, das dem "Zehn-Tage-Werk" lange anhaftete, Dante wiederum kommt noch "moderner" und sich über enge Normen hinwegsetzend da-her als ohnehin üblich, die Sprache ist endlich lesbar weil sie nun den Vergleich mit der Besonderheit des Originals nicht mehr zu scheuen braucht.
Beatrice sitzt im Himmelswagen.
Das angeblich in Summe düstere "Mittelalter", finden sich da nicht auch Gedanken, die womöglich schon in Richtung Aufklärung weisen?
Wer Gender sagt meint zugleich Veränderung, Stagnation und Rückschritt, einen Kreisel von Positivem und Negativem, eine Bewegung, die noch immer nicht allein zielgerichtet bleibt.
Wer Gender sagt meint die Gesellschaft, meint "uns" und "die", meint die selbstgestrickten Normen, die konstant und zyklisch zur Debatte und Durchbrechung anstehen.
Den von Kurt Flasch selbst gewählten Themenkreis in seiner Interpretation zu hören, mit ihm zu besprechen, heißt, aus einem breiten und langwährenden Erfahrungstopf naschen zu dür-fen, bedeutet Wandel und Dauer gleichermaßen zu erkennen, bedeutet Brüche zu sehen, Grenzen und Grenzüberschreitungen.
Das ist Teil einer Gender-Motivkette, die nicht bereits be- und abgearbeiteten Motiven folgt sondern sich wie "gegen den Strich gebürstet" darstellt. Exakt in dieser Kombination findet sich womöglich Neues.
Wer Gender sagt muß wissen, daß gegen Gewohnheiten, Direktiven, Gesetzmäßigkeiten, Leistungssoll, Gegebenheiten, Pflicht, Regeln, Richtschnur, Sitten, Schablonen, Bestimmungen, Brauch, Muster, Richtmaße, Regulative und Vorschriften gedacht zu werden hat.
Das Gender Art Lab nimmt das ernst.



























