Das Stundenbuch als Übergangsobjekt
Als die Mutter mit dem Kind den stratifizierten Raum zwischen Landschaft und Stillleben verlässt,
faltet sich der restliche Raum zusammen, zu den Genres, und
teilt sich von da an immer weiter
auf. Sie lassen dabei die Malerei zurück
wie zwei Hälften eines Sandwichs, in dessen Mitte der
Belag
fehlt. Dieser Belag, oder besser diese Belegung, wird die Malerei von da an als ein Fehlen
begleiten – ein Fehlen, das durch immer neue Belegungen ersetzt wird. Zum Beispiel durch
Inhaltskonflikte.
Zu Anfang aber das Stillleben. Wenn Medien obsolet erscheinen,
verwandelt sich ein jedes zu
seiner eigenen Drag-Version: es erlangt
durch das Erkennen seiner Grenzen schließlich ein
Selbstbewusstsein.
(Selbstbewusst-Werden heißt hier, zu deinem eigenen Problem zu werden.
Unfähig,
noch an deine einstige Bedeutung zu glauben, versagst du darin, das zu sein, was du bist
und wirst, was du immer schon sein wolltest: dein Anderes.)
Als
aus Büchern Druckerzeugnisse werden, träumen sie in diesem Moment davon, sich vom Tisch
aufzurichten und die Streublüten abzuschütteln, die sie gerade zuvor noch so umständlich auf sich
selbst drapiert hatten. Sie wollen lieber die ganze Pflanze
oder ein Vorhang werden, Topologie
oder Schwelle sein. Die falschen Libellen
sollen sich niederlassen, so echt wollen die halluzinierten
Blüten,
wollen alles zugleich, sprich, Malerei sein. Die Malerei wiederum möchte zu Beginn schon
das eigene Kapitel lieber möglichst schnell hinter sich lassen, umblättern, weiterblättern. Also
malt
sie sich als ihre eigene Rückseite, als Anti-Bild, oder als
Bild-Schirm. Irgendetwas muss immer
herausragen. “Das Stilleben ist ein wildgewordener
Rand, der sich selbstständig gemacht hat, der
den gesamten Raum der Darstellung erobert
hat”, nennen das Bernhard Siegert und Helga Lutz.
Die Tage vergehen, während wir unser tägliches Leben aufführen,
wie das Umblättern eines
Stundenbuchs, das seine Bedeutung verloren
hat – dessen entleerte Rhythmik wir aber
unbewusst, performativ weiter in uns
tragen. Oder auch nicht. Winter wird Frühling wird Sommer
wird
Herbst in den leeren Kathedralen verbleibender Sakralität und den Trümmern der Realität um
uns und in uns. Mise en abyme… Was ist das eigentlich, der gemalte Abgrund der Malerei? Was
wird malend zugleich immer wiederholt, sich dabei wandelnd
gezeigt und darin verborgen (in
Klischees, Topoi, Hegemonien…), unbewusst
gemacht, ‚naturalisiert‘? Die künstlichen Blüten
umrahmen
den Abgrund der Bilder, die wir projizieren und empfangen. Ich will eure Bilder vom
Jetzt in den Blumen der Vergangenheit ertränken.
//
Es gibt Texte, nach denen man sich Bilder anders anschaut als
zuvor: „Metamorphosen der
Fläche“ (2011) von Bernhard Siegert und
Helga Lutz ist so ein Text, „Das selbstbewusste Bild“
(1993)
von Victor Stoichita ein anderer. Beide schildern dieses anfängliche Sich-Selbst-
Problematisch-Werden
der Bilder als einen offenen Raum der Verhandlung (von
Widersprüchlichem).
Dem wollen wir nachspüren und fragen, in welcher Gestalt es im Heute
auftritt,
oder besser: was davon sich noch produktiv machen lässt. Kurz, was uns das alte Problem
(Urphantasie der Malerei) im Heute zu sagen haben könnte. Eine Frage, die wir mit der ersten
Ausstellung „WINTER: Still Life“ beginnen zu stellen
und die wir über das Jahr hinweg in vier
Stationen weiter betrachten. Die nächste
Station „SPRING: Imperial Landscapes“.
Künstler*innen:
Raihana Akbary, Sophia Balog, Hanna Berrio, nathan c'ha, Franky
Daubenfeld, Ela
Deniz Demir, Gregor Divizenz, Somebody
Foushku, Isabelle Gray, Deniz Amber Kinir, Anne
Kleinjan,
Luise Knecht, Daniela Kuich, Chattip Metchanun, Kimia Nazari, Neva Eda Özkan, Emil
Puchner, Laurin Schuh, Evgeny Tantsurin
Wir
danken dem Museumsquartier, der Universität für angewandte Kunst Wien, dem Institut für
Bildende und Mediale Kunst sowie allen Mitarbeitenden und Studierenden der Abteilung Malerei.