Applied Democracy: Journalismus und die „Vierte Gewalt” in der Demokratie
Michael Ortner, Wiener Zeitung, und Martin Wassermair, Reporter
ohne Grenzen, im Gespräch mit Doris Krüger und Florian Bettel. Organisiert vom Institut für Bildende und Mediale Kunst.
Der Blick auf den Journalismus als „Vierte Gewalt”
mag nostalgisch verklärt wirken. Große investigative Enthüllungen von Korruption, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen
eigneten sich in den letzten Jahren vermehrt für Verfilmungen und Fernsehserien, während große Medienhäuser die Redaktionen
ausdünnten und Milliarden Euro an Werbebudget an die US-amerikanischen Internetkonzerne verloren gingen. Und dennoch stellen
die aufwendigen und mutigen Recherchen der Journalist*innen ein wichtiges Gegengewicht zu autokratisch agierenden Regierungen
und illiberalen Wirtschaftsagglomerationen dar.
Michael Ortner,
Investigativjournalist der Wiener Zeitung, konzentrierte sich in den vergangenen Jahren auf die wenig ausgeleuchtete Mikroebene
der Demokratie und recherchierte zu problematischen politischen Vorgängen in der Kommunalpolitik. In den dörflichen Zusammenhängen,
wo berufliche, politische und nachbarschaftliche Verschränkungen vorherrschen, ergeben sich ganz spezifische Fragen aus der
Forderung nach Mitbestimmung, Transparenz und öffentlichem Diskurs.
Martin Wassermair ordnet als
Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen die Themen der Mikroebene in den internationalen Kontext ein. Journalist*innen stehen
im Zentrum globaler Auseinandersetzungen, in denen politische und wirtschaftliche Interessen eng verflochten sind. So geraten
sie oft selbst zwischen die Fronten, die Arbeit der Journalist*innen wird dabei zunehmend prekär, der Beruf verliert an Prestige
und ist darüber hinaus in vielen Regionen lebensgefährlich.
Im Gespräch wird dem Stellenwert des Journalismus in
der liberalen Demokratie nachgespürt, die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für qualitätsvolles Arbeiten thematisiert
und Perspektiven für einen zukünftigen Journalismus ausgelotet, der im Orkus von Künstlicher Intelligenz, hybrider Kriegsführung
autoritärer Staaten und Technooligarchie bestehen kann.
Die Reihe Applied Democracy ist
eine Initiative von Florian Bettel, Eva Blimlinger, Jakob Lena Knebl und Doris Krüger. Im Zeitalter der Polykrise, wo ein
entfesselter Kapitalismus mit dem Rückbau sozialstaatlicher Institutionen, politischer Mobilisierung gegen „die Anderen“ und
Imperialismus zusammenwirken, erlangt die Frage nach der Funktionsweise der liberalen Demokratie und den Voraussetzungen für
den freiheitlichen, säkularisierten Staat eine gewisse Dringlichkeit. Applied Democracy soll dafür eine Plattform
des Diskurses schaffen und gemeinsam mit Akteur*innen aus der Politik und Zivilgesellschaft einen Wissenstransfer ermöglichen.